Liturgisches 2015

Und sie weisen auf etwas hin, was sich kaum trennen lässt: Wort und Bild. Am Anfang war das Wort – Du sollst dir kein Bildnis machen – die Schrift allein – und doch wissen wir: Wir Menschen kommunizieren sehr stark, schnell und intensiv über Bilder. Das Sprechen selbst nehmen wir auch mit dem Sehen und nicht nur mit dem Hören wahr – sonst könnten wir niemandem etwas von den Lippen ablesen. Die geschriebene Sprache, insbesondere das geschriebene Wort wird zum Bild – wie die Handschriften zeigen. Bilder machen etwas sichtbar, zeigen uns etwas: eine Momentaufnahme, eine Perspektive, eine Vorstellung, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Beziehung … Wenn wir anfangen, darüber zu sprechen, kommen die Bilder in Bewegung.
Vom Beginn des Tages bis zur Mittagspause hat ein Mensch heute durchschnittlich mehr Bilder gesehen hat, als ein Mensch vor 500 Jahren in seinem ganzen Leben. Bilder begleiten uns, aber was bilden sie bei uns im Kopf, in Herz und Seele ab, ein und aus? Was bildet unsere Wirklichkeit? Die Bilder um uns herum bilden unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit mit aus. Mit dem Wort Gottes ist es nicht anders. Seine Verkündigung wirkt in uns, indem sie in uns Bilder erzeugt. Die Worte werden in uns zu lebendigen Bildern von Gottes Weg mit dieser Welt und für diese Welt.
Am Anfang war das Wort – das ist eine starke Botschaft. Steht die Aussage: Am Anfang war das Bild dagegen?
Die Jugendkreuzwegredaktion arbeitet in der Spannung zwischen Bild und Wort und nimmt sogar noch die Musik hinzu. Damit setzen wir uns mit der Spannung auseinander, die Unsichtbarkeit Gottes auszuhalten und doch abzubilden, spürbar zu machen, wie er uns Menschen in Jesus Christus besonders im Leiden und im Tod nahe kommt. Das geschieht immer wieder neu und anders. Auf der Grundlage einer Geschichte der Bilder in vielen Kreuzwegdarstellungen versuchen wir es doch immer wieder neu. Mit alten Bildern und mit neuen. Mit alten Worten und mit neuen. Mit Gottes Wort und unseren Worten. So kann man das Wort „Reformation“ verstehen – da formt sich etwas neu, bildet sich etwas neu und anders aus. In Zeit und Raum. Damit ist manchmal auch Widerspruch, Anstoßnehmen verbunden. Ganz reformatorisch, aber nicht konfessionell eindeutig oder abgrenzend.
In einer großen Freiheit von nicht mehr notwendigen Abgrenzungen zwischen evangelisch und katholisch gelebtem christlichem Glauben kann ich den ökumenischen Kreuzweg der Jugend als re-form-atorisches Projekt verstehen. Es gilt heute, hier und jetzt neu vom Zentrum des Glaubens zu reden und die Bilder zu zeigen, die dabei entstehen bzw. die uns neu zum Reden bringen. Deshalb ist es einleuchtend, den Kreuzweg 2015 mit in das Themenjahr Reformation und Bild der Evangelischen Kirche in Deutschland einzureihen und gleichzeitig das Gespräch im ökumenischen Miteinander neu dafür zu öffnen, wie Bilder und Worte unseres Glaubens unsere Wirklichkeit bilden können.
Der Künstler Pablo Hirndorf hat für seine Arbeiten zum Kreuzweg das Kupfer der Altbleche „re-formiert“: neu genutzt, verfremdet, sichtbar gemacht und mit Bildern aus der Gegenwart neu in Beziehung gesetzt zum Leidensweg Christi. Der Kirchenvorstand hat mit diesen Kunstwerken bewusst einen ökumenischen Akzent in einer Kirche gesetzt, die als sehr alte Kirche aus dem Jahr 882 selbst Reformation erfahren hat.
Die Kunstwerke bleiben am Ort. Mit dem weit über die Bundesrepublik hinaus verbreiteten ökumenischen Kreuzweg der Jugend verlassen sie medial die Bückener Kirche und setzen etwas in Bewegung. Sie fangen an, unsere Bilder von einem Kreuzweg zu re-formieren und werden selbst re-formiert durch die Umsetzung des Kreuzwegs und das, was mit den Bildern und Worten an vielen Orten geschehen wird.
Hoffentlich erregt dieser Prozess Anstoß und entwickelt da und dort die Kraft, Menschen neu werden zu lassen in ihrem Glauben und Leben.

Cornelia Dassler