Filmtipps zum Jugendkreuzweg 2013

 

I. Station: Jesus wird verurteilt

Simons Geheimnis, Kanada 2008

Regie: Atom Egoyan

100 Min, FSK: ab 12

 

Der 16jährige Simon hat eine unglaubliche Geschichte zu erzählen: sein Vater sei ein jordanischer Terrorist gewesen und habe seine hochschwangere Frau ohne deren Wissen mit einer Bombe in ein Flugzeug auf dem Weg nach Israel geschickt, um es dort in die Luft zu sprengen. Das ungeborene Baby sei er gewesen. Aber die Geschichte ist gar nicht seine eigene. Eigentlich ging es ursprünglich nur um eine Übersetzung eines Zeitungsartikels im Französischunterricht. Simon machte sich die Geschichte so zu eigen, als sei sie seine eigene. Als seine angebliche Familiengeschichte im Internet verbreitet wird, entwickelt sich daraus eine Lawine. Im Netz wird hitzig diskutiert, dabei kommen Anteilnahme, aber auch Hass und Vorurteile zum Vorschein. Der in Kanada lebende armenische Regisseur Atom Egoyan erzählt, wie eine Fiktion über massenhafte Verbreitung heftigste Reaktionen auslöst, ohne dass irgendjemand die Frage nach der Wahrheit der Geschichte stellt. Aber in gewisser Weise gibt es doch Bezüge zu Simons eigener Biographie: um die Fragen bearbeitet, die ihn selbst beschäftigen, nach den Ursachen für den Tod seiner Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Und auch in der „echten“ Familiengeschichte spielen Hass, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile eine zentrale Rolle.

 

Vorurteile, Vorverurteilungen … Bilde ich mir meine Meinung eigenständig oder lasse ich mich durch die Meinung anderer steuern?

 

 

II. Station: Jesus nimmt das Kreuz

Gran Torino, USA/Australien 2008

Regie: Clint Eastwood

116 Min., FSK 12

 

Erwarten kann man von diesem Typ nichts: Rentner Walt Kowalski, eine ehemaliger Fließbandarbeiter in den Ford-Werken, ist ein durch und durch reaktionärer Typ. Für Ausländer kennt er nur Schimpfwörter. Missmutig beobachtet er die Familie von Einwanderern der ostasiatischen Volksgruppe der Hmong im Nachbarhaus. Und dann versucht auch noch deren Sohn Thao seinen 1972er Gran Torino-Sportwagen zu stehlen! Dann aber verteidigt Walt, der im Korea-Krieg gedient hat, die Nachbarfamilie gegen eine Gangster-Clique mit der Schrotflinte. Dadurch wird er für die Hmong-Familie zum Helden, dem sie ihre Dankbarkeit bezeugen wollen. Auch wenn er äußerlich bärbeißig und grimmig bleibt, werden die Kontakte enger. Die Bedrohung wird zunehmend gravierender, und Walt sucht nach einem Mittel, um der Gewalt Einhalt zu gebieten. Er sucht den Kontakt zu dem jungen Pfarrer, den er zuvor mehrfach abgewiesen hat. Ist sogar bereit zur Beichte, was sich seine verstorbene Frau immer gewünscht hat. Er, der für die „Schlitzaugen“ und „Bambusratten“ nichts übrig hatte, ist am Ende bereit, alles für sie zu geben. Und er, der Kriegsveteran, nur Gewalt als Antwort auf Gewalt kennt, ist bereit, sein Leben zu opfern, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Ein Macho, der sich zum Erlöser wandelt und mit einem „Ave Maria“ auf den Lippen freiwillig in den Tod geht.

 

Bin ich offen für andere Menschen und deren Bedürfnisse? Bin ich bereit, für andere einzutreten, auch wenn es mich etwas kostet?

 

 

III. Station: Jesus begegnet Maria

Auf der anderen Seite, Deutschland/Türkei 2007

Regie: Fatih Akin

120 Min., FSK ab 12

 

Zwei Särge, deren Wege sich kreuzen, sind das zentrale Bild: von Hamburg nach Istanbul wird die Leiche einer Frau überführt, die versucht hat, für sich und ihre Tochter in Deutschland Geld zu verdienen und Opfer einer häuslichen Auseinandersetzung wurde. Von Istanbul nach Hamburg reist der Sarg mit der Leiche einer Studentin, die einer türkischen Freundin, einer Widerstandskämpferin, helfen wollte und Opfer einer sinnlosen Tat von Jugendlichen wurde. Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin hat in seinem Film die sich kreuzenden Lebenslinien von sechs Personen aus drei Familien kunstvoll miteinander verflochten. Es geht dabei um den Tod und dessen Auswirkung auf die Lebenden. Susanne, die Mutter der getöteten Studentin, reist im dritten Kapitel des Films nach Istanbul, starr vor Trauer angesichts der Konfrontation mit dem Tod ihre Tochter, von der sie sich entfremdet hatte. Der Versuch, mit dem schmerzlichen Verlust umzugehen und den Weg durch das Tal der Trauer zurück ins Leben zu finden, führt sie auf den Weg, den ihre Tochter gegangen ist. Sie hilft der Freundin Ayten, die als Widerstandkämpferin im Gefängnis gelandet ist. Ayten ist die Tochter der Frau, die im ersten Teil getötet wurde. So findet sich über die gemeinsame Trauer eine neue Familie: Susanne nimmt für Ayten die Mutterrolle an, Ayten die Tochterrolle. Wie sich unter dem Kreuz Jesu eine neue Familie findet: Maria, die Mutter, und Johannes, der Sohn.

 

Trauer, Verzweiflung angesichts des Todes eines geliebten Menschen…

Woher kommt die Kraft, einen Neuanfang zu wagen?

 

 

IV. Station: Jesus fällt unter dem Kreuz

Film: Ben X, Belgien 2007

Regie: Nic Balthazar

94 Min., FSK ab 12

 

In zwei Welten lebt der 17-Jährige Ben. Im virtuellen Online-Rollenspiel „Archlord“ ist er der Held, der keinerlei Gefahren scheuen muss. In der realen Welt ist er der Außenseiter, der von den Mitschülern gemobbt wird. Ben ist ein Autist, er leidet unter dem Asperger-Syndrom. Schutzlos ist er den Schikanen und Demütigungen von herzlosen Klassenkameraden ausgeliefert. Und die Angriffe werden zunehmend schlimmer. Mitschüler ziehen ihm die Hose herunter und filmen die für Ben peinliche Situation auch noch. Das Video landet im Internet. Die Flucht in virtuelle Welten kann die Wunden nicht heilen. Ben sieht keinen Ausweg mehr: den Gedanken, nut entkommen zu können, indem er seinem Leben ein Ende setzt, wird er nicht mehr los. Der einzige Kontakt, den er noch hat, ist Scarlite, eine Spielgefährtin im Online-Spiel, die ihn auch in der Realität kennenlernen will. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die Bosheit der anderen zu entlarven und eine Zukunft für sich zu finden.

 

Wenn andere unter Druck gesetzt, gemobbt oder gar gedemütigt werden. Stelle ich mich auf die Seite derer, die zum Opfer werden?

 

 

V. Station: Jesus werden die Kleider geraubt.

In this World, Großbritannien 2002

Regie: Michael Winterbottom

90 Min., FSK ab 12

 

Eine Leidensgeschichte aus unserer Welt: zwei afghanische Flüchtlinge, der Junge Jamal und sein erwachsener Begleiters Enayatullah, machen sich – ausgewählt von ihren Clans – aus einem Flüchtlingslager in Pakistan auf den Weg, um in London das Glück zu suchen. Nur so können ihre Familien überleben. Dazu müssen sie sich skrupellosen Schlepperbanden anvertrauen und sind immer wieder der Willkür von Polizei und Militärs ausgeliefert. Wenn sie als „Illegale“ erwischt werden, geht es wieder zurück. Und ein erneuter Versuch folgt. Die Strapazen sind unmenschlich, ein Gewaltmarsch durch die verschneiten türkischen Berge kostet sie fast das Leben und zusammen mit anderen Flüchtlingen in einen stickigen Container gepfercht, werden sie nach Italien verschifft, was Enayatullah nicht überlebt. Jamal schlägt sich bis London durch und kontaktiert seine Verwandten. Auf die Frage nach Enayatullah antwort Jamal nur lapidar, der sei nicht mehr in dieser Welt. Die Leidensgeschichten von Flüchtlingen, die Regisseur Michael Winterbottom mit Laiendarstellern und einer dokumentarischen Arbeitsweise lebendig gemacht hat, bindet den Zuschauer emotional ein und lässt ihn Hoffnung und Leid hautnah miterleben.

 

Die Leidensgeschichten anderer Menschen sind oft nur eine Zeitungsnotiz.

Lasse ich zu, dass mich ihre Geschichten berühren?

 

 

VI. Station: Jesus wird ans Kreuz geschlagen

Von Menschen und Göttern, Frankreich 2010

Regie: Xavier Beauvois

123 Min., FSK ab 12

 

Wie reagiert man als Christ, der die Gewaltlosigkeit und Feindesliebe auf seine Fahnen geschrieben hat, wenn man selbst von Terroristen bedroht ist, die vor keiner Gewalttat zurückschrecken? Diese Fragen stellen sich die Trappistenmönche im Kloster Tibhirine im algerischen Atlas-Gebirge. Islamistische Fundamentalisten verbreiten Angst und Schrecken durch Mord und Totschlag. Die Schlinge zieht sich immer enger zu, die Mönche müssen täglich damit rechnen, selbst Zielscheibe der Terroristen zu werden. Die staatlichen Autoritäten empfehlen den Mönchen das Kloster zu räumen. Aber sie diskutieren darüber, ob es nicht ihre Aufgabe ist, nicht der Gewalt zu weichen und ihrer Mission treu zu bleiben. Ihre friedliebende Einstellung beeindruckt selbst den Anführer der Terroristen, die zum Weihnachtsfest vor dem Kloster auftauchen. Aber nur einmal werden sie verschont. Als sie sich endgültig zum Bleiben entschlossen haben und gemeinsam das letzte Mal halten, steht auf ihren Gesichtern die Angst vor dem Tod, aber auch die Überzeugung, auf den Spuren Jesu das richtige zu tun. Der französische Regisseur Xavier Beauvois stellt in seinem Film über einen historisch verbürgten Fall aus dem Jahr 1996 die Mönche als authentische Menschen dar, die durch ihr bis zur letzten Konsequenz gelebtes Christentum als überzeugende Märtyrergestalten unserer Tage dar.

 

Gewaltlosigkeit, Feindesliebe, … wie weit bist du bereit, für deine christlichen Überzeugungen zu gehen?

 

 

 

VII. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Die Ewigkeit und ein Tag, Griechenland/Frankreich/Italien/Deutschland 1997

Regie: Theo Angelopoulos

133 Min., FSK ab 12

 

Der Dichter Alexandros hat den Tod vor Augen. Ihm bleibt noch ein Tag, um seine Angelegenheiten zu regeln, dann muss er ins Krankenhaus und er ist sicher, dass er das nicht mehr lebend verlassen wird. Vor seiner Tochter verheimlicht er die Wahrheit. Auf dem Weg durch die Stadt trifft er zufällig auf einen kleinen Straßenjungen, den er vor einer Polizeikontrolle rettet und zurück in seine Heimat Albanien zu bringen versucht. In der Sorge um den Jungen wird eine Zuwendung und Fürsorge wach, die er als erfolgreicher Schriftsteller gegenüber seiner eigenen Familie hat fehlen lassen. In traumartigen Sequenzen werden Erinnerungen an Phasen seines Lebens wach. Der Weg führt ihn am Ende zurück in das verlassene Elternhaus, der Tod erscheint als Vision einer Feier am Strand mit Freunden – und von jenseits des Meeres ruft ihn die Stimmer seiner Mutter. Der griechische Filmregisseur Theo Angelopoulos hat einen meditativen Film geschaffen, in dem Wirklichkeit und Traum, Nationalgeschichte und persönliche Geschichte, Gegenwart und Vergangenheit ineinander übergehen und sich verbinden.

Der Tod schließt ein Leben ab. Das Leben gewinnt durch den Tod ein eigenes Profil. Stell dir vor, was von deinem Leben bliebe, wenn du heute sterben müsstest.

 

 

Dr. Peter Hasenberg

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

Bereich Kirche und Gesellschaft

Referat Film/ Grundsatzfragen

Kaiserstraße 161

53113 Bonn