Was ist eigentlich ein „Kreuzweg“?


 

1. Wie betet man einen Kreuzweg?

In der Regel hat ein solcher Kreuzweg 14 Stationen und vergegenwärtigt bildlich den Leidensweg Jesu, seine Passion von der Gefangennahme im Garten Getsemani bis zum Tod am Kreuz.

Man betet den Kreuzweg allein oder in einer Gruppe.

Man betet ihn in der Karwoche – der Woche vor Ostern – in der Fastenzeit, an besonderen Tagen oder zu besonderen Anlässen über´s Jahr.

Vielerlei Textvorlagen stehen hierfür zur Verfügung (siehe auch Gotteslob Nr. 775), sie alle greifen die biblischen Berichte und die Tradition auf und lassen die Beter, mit dem was sie im Herzen bewegt, eintauchen in den Erlösungsweg, den Christus gegangen ist.

 

Dabei ist Liturgie, das Leben von Spiritualität, nie nur bloße Erinnerung: da war mal was, sondern immer auch ein „Sich-Hineinbegeben“ in eine Wirklichkeit, die über die Zeiten für alle gilt. Weil Erlösung für alle gilt. Alle im Jahr 33. Alle davor und alle danach. Auch für uns (siehe auch unten).

 

Wer den Kreuzweg betet, geht mit Jesus die via dolorosa. Lädt ihm all die eigenen Fragen und Anliegen mit aufs Kreuz. Lässt das eigene Leben von ihm immer neu verwandlen.

 

 

2. Kleiner Exkurs in die Geschichte der Kreuzwege

Am Anfang steht immer die Sehnsucht – sagt die bekannte Dichterin Rose Ausländer.

Bei den Kreuzwegen ist es die Sehnsucht danach, dem Leidensweg Jesu auf besondere Weise nahe zu kommen.

 

Deshalb entstand im 12./ 13. Jh. – es ist die Zeit der Kreuzzüge – in Jerusalem ein Stationenweg vor den Wallfahrtskirchen: die Via Dolorosa.

Dabei griff man auf alte Spuren zurück – von Pilgern, die sich schon im Altertum immer wieder auf den Weg machten, um betend und singend die Orte des Leidens und Sterbens ihres/ unseres Herrn nachzugehen.

 

Dahinter stand das Bestreben, die Ereignisse um das Leiden und Sterben Christi möglichst plastisch vor Augen zu haben.

Das lag in der Luft: Die Christianisierung war abgeschlossen (9.Jh.), eine Schaufrömmigkeit wächst; das sind die Jahre, in denen Franziskus die Krippe erfindet, Mysterienspiele entstehen (aus ihnen wächst der Karneval!) in denen sich das Fest Fronleichnam entwickelt, ein Reliquienkult wächst, die Schreine immer üppiger werden, Wallfahrten aufkommen.

 

In seinen Anfängen bot der Jerusalemer Kreuzweg auf historischem Boden eigentlich nur zwei Stationen – als Startpunkt: die Verurteilung beim Haus des Pilatus, und den Endpunkt an der Stätte der Kreuzigung und Grablegung in der Grabeskirche.

Aber nach und nach entstanden weitere Stationen, wurde der Weg ausgeschmückt:

teilweise wurde hier die biblische Überlieferung „lokalisiert“:

- Verurteilung,

- Geißelung,

- Simon von Cyrene,

- Kreuzigung,

 

teils wurden Legenden und fromme Geschichten eingewoben (entnommen: Flavius Josefus, Tacitus, apokryphe Ev: Proteevangelium des Jakobus, Thomasev…):

- das dreifache Zusammenbrechen Jesu

- die Gestalt der Veronika,

- die Begegnung mit den weinenden Frauen,

- die Annagelung ans Kreuz,

- Jesu Leichnam im Schoß seiner Mutter.

 

Aus dem Hl Land zurückgekehrte Pilger legten zuhause Nachbildungen der der Heiligen Stätten in ihrer Heimat an – zur Erbauung derer, die nicht nach Jerusalem kamen, und sich geistig auf den Leidensweg Jesu Christi begeben wollten:

- Oftmals übertrugen sie exakt die Länge der Via Dolorosa auf ihren heimischen Kreuzweg - gleichsam als Imitation,

- legten eine Strecke an, die einen Berg hinaufführt (Schädelhöhe),

- lokalisierten als Ziel nicht selten einen Kalvarienberg, krönten ihn mit einer Grabeskirche oder Kreuzigungs-Darstellung.

 

Obwohl Pilgerfahrten nach Jerusalem auch im ostkirchlichen Bereich beliebt waren, ist der Kreuzweg eine rein westliche Andachtsform geblieben.

In der unierten Ukrainischen Kirche, die papsttreu ist, aber die griechische Liturgieform verwendet, kam es in den letzten Jahren zu Abspaltungen, als die Aufgabe der Kreuzwegsandachten und anderer importierter lateinischer Traditionen zur Diskussion stand.

 

 

3. Die Zahl der Stationen

Sieben: Die ursprüngliche Zahl der Stationen ist sieben. Die oben beschriebene Passionsmystik betonte das Mitleiden mit Jesus und suchte nach biblisch-theologischen oder spirituellen Vorgaben. Sie knüpfte an der Siebenzahl der kanonischen Horen (Stundengebetszeiten) der Kartage mit Stationen der Passion Jesu an (Matutin, Laudes, Non, Sext, Terz, Vesper, Komplet), sah sich bestätigt in der Siebenzahl der römischen Stationskirchen Roms.

 

Der von Adolph Kolping erwähnte Brauch, bei einer Pilgerfahrt nach Rom auch die "sieben Hauptkirchen" zu besuchen, ist bereits uralt. Seine Wiederbelebung im 16. Jahrhundert verdankt diese Sitte dem Vorbild des heiligen Philipp Neri. Dieser bedeutende Heilige der Katholischen Reform lebte von 1515 bis 1595 und widmete sich - neben vielem anderem - der Erneuerung des religiösen Lebens in der Ewigen Stadt, in die er 1533 aus seiner Geburtsstadt Florenz zog. "Durch seine Lebensfreude und Güte gewann Philipp, den die Römer liebevoll "Pippo buono" nannten, das Vertrauen von Menschen aller gesellschaftlichen Schichten. Nicht nur seine witzigen Bemerkungen und Lieder, sondern vor allem seine spirituellen Gedanken fanden im Volk Verbreitung. (...) ließ Philipp Neri viele Menschen die Freude an Gott und der Schöpfung wiedererkennen."

 

Im deutschen Sprachgebiet ist diese Variante mit sieben Stationen bis heute in der ähnlichen Gebetstradition der „sieben Fußfällen“ verbreitet. Die ältesten Darstellungen von Fußfällen (Bildstöcke) gehen bis ins späte 15. Jh. zurück.

 

 

Vierzehn: Seit 1600 erweitert sich die Zahl der Stationen auf 14 bebilderte Stationen, kreiert durch die Franziskaner und auch verbreitet durch sie in Volksmissionen und Barockpredigten. Letztlich wurde die 14er Zahl 1731 durch Papst Clemens XII. kanonisiert, also durch Rom festgelegt. Er ließ selbst durch die Franziskaner im Kolosseum einen Kreuzweg mit 14 Stationen anlegen. Seit 1975 betet der Papst Karfreitag den Kreuzweg hier.

 

Zugleich verlagerte sich die Andachtsform von nun an in die Kirchen, zunächst beschränkt auf Kirchen des Franziskanerordens, wegen der großen Beliebtheit gab es bald kaum eine römisch-katholische Pfarrkirche ohne Kreuzweg.

 

Schon seit dem 18. Jh. gesellt sich auch eine 15. Station hinzu, jedoch mit unterschiedlichen Motiven. Es gibt die Tradition hier die Grabes- (Auferstehungs-) Kirche von Jerusalem darzustellen- in manchen Barockkirchen in Süddeutschland erscheint als 15. Station die Kreuzauffindung durch die Kaiserin Helena.

Seit zweite Hälfte des 20. Jh setzt sich die Darstellung der Auferstehung Jesu durch (in der Regel das leere Grab): vielleicht als Reflexion auf die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils. Es betont das Triduum: Leiden, Tod und Auferstehung Jesu;

aus diesem Verständnis kommend feiert die Kirche Gründonnerstag bis zur Osternacht als eine Feier, einen Tag.

„Sind wir nun mit Christus gestorben“, schreibt der Heilige Paulus, „so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6, 8). Daher ist eine 15. Station nicht die Erfindung unserer Tage sondern das ursprüngliche christliche.

Wir Christen, die auf diese Weise die Passion am Karfreitag in dieser via crucis meditieren,

wissen, dass zwei Tage später die Glocken zu Ostern läuten werden.

 

 

Als Alternative zum Kreuzweg wird die Via Lucis entwickelt, die die Auferstehung und den Auferstandenen in den Vordergrund stellt.

 

 

4. Der Inhalt

700 Jahre Geschichte des Kreuzweges – und doch kristallisiert sich von Anbeginn ein Anliegen heraus: Mit Jesus den Leidensweg zu gehen und zu erkennen, dass Er gleichsam genauso unseren Leidensweg mitgeht.

 

Die Konzilsväter des II. Vatikanischen Konzils schreiben (dei verbum): „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren… dass die Menschen durch Christus im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur. In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.

Das Offenbarungsgeschehen ereignet sich in Tat und Wort“.

 

 

Wenn wir – als Christen, als Gläubige – über diesen Kreuzweg reden, dann reden wir über Offenbarung, und hoffentlich können wir es so, wie es die Konzilsväter verstanden.

Offenbarung bedeutet für sie nicht: ein fordernder Gott teilt Instruktionen und moralische Appelle mit;

sondern sie verstehen Offenbarung als dialogisches Geschehen:

Gott teilt sich mit. Hier geht es um Beziehung, um Kommunikation, um einen Prozess.

Hier kommt uns Gott in unserem Leben entgegen.

 

Gott offenbart sich in jeder Form von Liturgie – beginnend beim einfachen Gebet bis hin zur Messe. Liturgie heißt immer Eintauchen in die Heilsgeschichte- Vergegenwärtigung, Aggiornamento. Verheutigung.

Es gibt in unserem Liturgieverständnis keine erste Reihe: Die Jünger, die Apostel, die Menschen, die Christus kennenlernen konnten, hatten nicht etwa die Gnade der frühen Geburt. Und zu ihrer Zeit war das Heil nicht frischer, intensiver, wirksamer, als heute.

 

Gottes Heilsplan gilt für alle Menschen und das über die Zeiten hinweg.

Und vor allem: Gottes Heilsplan gilt ganz persönlich.

 

Das eben meint Offenbarung, in dem Sinne, dass Gott sich ganz persönlich in meinem Leben, in meinem Leid, in meiner Freude mitteilt und in einen Dialog tritt.

Und das meint Liturgie, in dem Sinne, dass sie den Rahmen dafür schafft.

 

Es geht also um zwei Bewegungen: Ich tauche ein in ein liturgisches Geschehen – beispielsweise, das betende Betrachten des Kreuzweges.

Und Gott kommt mir darin entgegen, offenbart sich mir, tritt in einen Dialog mit mir:

im leidenden Christus, aber auch in der Vergegenwärtigung meines eigenen Kreuzweges.

In der Verwandlung meines Leids, in der Offenbarung seines Heiles.

 

„So begehen Christen den Kreuzweg“ heißt es in einer Beschreibung, „auf eine Weise, als ob sie Jesus in den Straßen Jerusalems folgen würden, indem sie an jeder Station meditierten und beteten, aber auch als ob Gott selber ihren eigenen Kreuzweg mitgeht.

So lässt sich der eigene, mitunter leidvollen Lebensweg als eine Form der Christusnachfolge begreifen“.

 

 

 

 

5. Die traditionellen 14 Stationen

1

Jesus wird zum Tode verurteilt.

Mt 27,22-23,26

2

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Mt 27,27-31

Vgl. auch Mk 15,16-20, Joh 19,16-17.


3

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.

***

Jes 53,4-6

4

Jesus begegnet seiner Mutter.

***

Lk 2,34-35,51

5

Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen.

Mt 27,32

Vgl. auch Mk 15,21; Lk 23,26.

Mt 16,24

6

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

***

Jes 53,2-3,

Ps 27,8-9

7

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz.

***

Klgl 3,1-2,9,16

8

Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Lk 23,28-31

 


9

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz.

***

Klgl 3,27-32

10

Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Mt 27,33-36

Vgl. auch Mk 15,24; Lk 23,34; Joh 19,23-24.

11

Jesus wird ans Kreuz geschlagen.

Mt 27,37-42:

Vgl. auch Mk 15,22-27; Lk 23,33; Joh 19,18-19.

12

Jesus stirbt am Kreuz.

Mt 27,45-50,54:

Vgl. auch Mk 15,33-41; Lk 23,44-49; Joh 19,25-30.

13

Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt.

Joh 19,38:

Vgl. auch Mt 27,57-59; Mk 15,42-46; Lk 50-53.

14

Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.

Mt 27,59-61:

Vgl. auch Mk 15,46-47; Lk 23,53-56; Joh 19,39-42.

*** Station wird in den Evangelien nicht explizit erwähnt.